Also, sämtliche Wünsche haben die Telekom Baskets Bonn ihrem ausgelassenen Publikum an einem berauschenden Sonntagabend nun wirklich nicht erfüllen können. „Wir woll’n die Hundert seh’n“, sangen die Fans kurz vor dem Ende des zweiten Finalspiels gegen Ratiopharm Ulm, aber dann erzielte Zachary Ensminger per Freiwurf zunächst den 98. Punkt und im nächsten Angriff erhöhte Deane Williams per Dreier direkt auf 101. Bonns Basketballer hatten die Hundert also kurzerhand übersprungen.

Schon klar: Die Fans wollten es schlichtweg dreistellig haben, und das haben sie auch bekommen beim 104:75-Erfolg, der mehr war als ein Sieg. Er war ein Statement, dass die Bonner die Serie nicht nur zum 1:1 ausgeglichen, sondern auch ihre Favoritenrolle untermauert haben.

„Ein Team – ein Traum“, hatte vor dem Spiel auf einem Banner im Fanblock gestanden, als müsste in Bonn überhaupt noch irgendjemanden daran erinnert werden, dass diese sechste Finalteilnahme für die Baskets eine historische, ja, vielleicht ultimative Chance zur Rehabilitation und Traumabewältigung ist. Fünf Mal hatte dieser Klub – 1997, 1999, 2001 und 2008 jeweils gegen Berlin sowie 2009 gegen Oldenburg – eine Finalserie um die Meisterschaft verloren. Diesmal stehen die Sterne so günstig wie wohl noch nie für diese Mannschaft, die vor einem Monat bereits die Champions League gewonnen hat. Als Hauptrundenerster mit nur zwei Niederlagen und ausschließlich Siegen auf heimischem Parkett waren sie in diese Best-of-five-Finalserie um die deutsche Meisterschaft gezogen – und dann verloren sie am Freitagabend daheim gegen Ulm direkt mal 73:79.

Ausgerechnet im ersten Spiel der Finalserie kassieren die Bonner ihre erste Heimniederlage

„Das war eines unserer schlechtesten Spiele in dieser Saison“, urteilte Bonns finnischer Trainer Tuomas Iisalo. „Da waren wir mental nicht richtig bereit“, sagte der baumlange Ballfänger Leon Kratzer. Und wenn man ihn fragte, wie man denn nach einer fast perfekten Hauptrunde mit der Erfüllung eines Traums vor den Augen im ersten Finalspiel nicht richtig bereit sein könne, antwortete er: „Vielleicht haben wir uns sogar zu sicher gefühlt, so etwas passiert im Sport, so ist der Mensch!“

Der Mensch will solche Aussetzer dann aber auch wieder gutmachen, und das gelang den Bonnern am Sonntagabend überzeugend. Sie waren ja auch ihrem Playoff-Motto verpflichtet, das da lautet: „Bonn to be wild“ – und wenn sie im ersten Spiel eines nicht gewesen waren, dann: wild.

„Vielleicht war der Dämpfer sogar gut“, sagte Kratzer. Im zweiten Spiel jedenfalls habe man das klare Bewusstsein einer nun unbedingt erforderlichen Dringlichkeit gezeigt, die Ausdruck fand in zweistelligen Scores von gleich fünf Spielern: Finn Delany (23), Sebastian Herrera (17), T.J. Shorts (16), Jeremy Morgan und Deane Williams (je 13). „Das war deutlich intensiver als im ersten Spiel“, sagte Trainer Iisalo. Ulms flinker Ballverteiler Thomas Klepeisz kritisierte sich und seine Mannschaft indes für die verpasste Chance, mit einer 2:0-Führung zur Fortsetzung der Serie ins heimische Ulm zurückzukehren. „In einem Finale darf man sich nie ausruhen“, sagte er, „wir müssen zurückkommen.“ Genau dies beabsichtigen sie im dritten Spiel am Mittwoch sowie im vierten am Freitag – beide in Ulm. Drei Siege sind erforderlich zum Titelgewinn; sollte es eines fünften Spiels bedürfen, wäre dies am Sonntag in Bonn.

Basketballer aus Bonn im BBL-Finale: Bonns Trainer Iisalo berichtet von ernsthaften Gesprächen nach der Niederlage, das Resultat gefällt nicht nur den Fans.

Bonns Trainer Iisalo berichtet von ernsthaften Gesprächen nach der Niederlage, das Resultat gefällt nicht nur den Fans.

(Foto: Jörn Wolter/Imago)

„Wir haben am Samstag ernsthaft miteinander gesprochen“, berichtete der Trainer Iisalo über die Reaktion nach der Auftaktniederlage, „wir haben uns bewusst gemacht, dass wir seit zehn Monaten zusammen sind und jetzt noch sechs oder acht Tage – und dass wir die verbleibende Zeit so nutzen wollen, dass uns hinterher nichts leid tut.“ Die Emotionalität dieser Aussprache war am Sonntagabend unübersehbar. Im Verborgenen gewirkt haben hingegen offenbar Iisalos magentafarbene Glückssocken, die er bei einem Spiel stets wunderbar kontrastierend zu seinem blauen Anzug trägt, die für den Namensgeber des Klubs unter den Hosenbeinen allerdings wohl nicht genug Werbewirkung zeigen. Weiterhin droht den Baskets ja, dass die Telekom als Hauptsponsor aussteigt, falls nicht die aktuellen Erfolge in der Bonner Konzernzentrale ein Umdenken auslösen.

Sollten die Ulmer die Finalserie verlieren, könnte es auch für ihren Klub traumatische Züge annehmen: Denn auch Ulm hat 1998 (gegen Berlin), 2012 und 2016 (jeweils gegen Bamberg) alle seine bisherigen Finalserien verloren und dürstet nach einem Titel. Vielleicht geht es ja wirklich ins entscheidende „Fünfte“ am Sonntag in Bonn, wo der musikalische Sohn der Stadt schließlich sein berühmtestes Werk mit der „Fünften“ (Sinfonie) abgelegt hat. Dem großen Ludwig van Beethoven würden die Basketballer mit dem ersten Bonner Meistertitel nur zu gern nachfolgen und sich in der Stadtgeschichte verewigen.